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BEFORE e.V. zum Oktoberfestattentat

Ermittlungen zum Oktoberfestattentat eingestellt – viele Fragen bleiben offen

• Die Betroffenen des Oktoberfestattentates warten weiter auf eine umfassende Entschädigung.

• Zu den Hintergründen des Oktoberfestattentates bleiben viele offene Fragen.

• Welche Rolle rechte Netzwerke für die Tat gespielt haben, ist weiter unklar.

• Der Anschlag wird nun endlich auch durch die Behörden als eindeutig extrem rechts motiviert eingeordnet.

 

München, 08. Juli 2020 – Die Bundesstaatsanwaltschaft hat am 7. Juli 2020 die Ermittlungen

zum Oktoberfestattentat eingestellt. Jahrelang hatten Betroffene, Journalist*innen und

Rechtsanwält*innen dafür gesorgt, dass die Fragen nach den nie aufgeklärten Hintergründen

der Tat nicht in Vergessenheit gerieten.

Von den Ermittlungen ist die Betroffene Renate Martinez enttäuscht: „Ohne Druck von außen

haben die Behörden wenig getan, von allein passierte da nichts. Hätten LKA und

Bundesanwaltschaft nicht derart nachlässig gearbeitet und Beweismittel vernichtet, wären wir

heute nicht in dieser Lage. Es ist äußerst bedauerlich, dass die Untersuchungen jetzt enden,

ich hatte weiter auf Ergebnisse gehofft.“

Der Betroffene Hans Roauer fragt: „Was will man zu einer solchen Einstellung noch sagen? Es

sind 40 Jahre seit damals vergangen. Mir war leider klar, dass da nichts herauskommen wird.

Für die damalige Staatsregierung ist die Einordnung als rechtsextremer Anschlag eine

schallende Ohrfeige, für uns ist es nur eine kleine Genugtuung nach so langer Zeit.“

Auch die Betroffene Claudia Z. betont: „Nach über 30 Jahren in denen alle Beweismittel

vernichtet wurden, wundert es nicht, dass man nichts herausgefunden hat.“ Dass die

Behörden weiter an der Einzeltätertheorie festhalten, sei für sie frustrierend. Zu den

gewalttätigen rechten Netzwerken in denen sich der mutmaßliche Attentäter bewegte, gibt es

bis heute eine Reihe offener Fragen. Welche Rolle sie für das Attentat spielten, ist weiterhin

ungeklärt.

„Die Betroffenen der Oktoberfestattentates wurden lange Zeit vergessen, ihre Stimmen nicht

gehört. Die Wiederaufnahme der Ermittlungen 2014 hat bei vielen alte Wunden aufgerissen

und sie belastet. Vor diesem Hintergrund ist es für sie umso schmerzhafter, dass es keine

neuen Erkenntnisse zu dem Anschlag gibt“, sagt Anja Spiegler, Beraterin bei BEFORE.

Der Unterstützungs-Fonds, den die Stadt München 2018 bei BEFORE eingerichtet und 2019 erneuert hat, ist eine wichtige Geste der Anerkennung. Betroffene haben die Möglichkeit, Hilfe für die Bewältigung der vielfältigen Folgen des Attentates zu erhalten. Damit erkannte die Stadt nach 38 Jahren die extrem rechten Hintergründe des Oktoberfestattentates an, jetzt sind die Bundesbehörden endlich nachgezogen.

„Betroffene, Angehörige und Unterstützer*innen haben sich intensiv dafür eingesetzt, dass der Anschlag vollständig aufgeklärt wird. Jahrzehntelang haben sie warten und kämpfen müssen, damit sie gehört werden. Jetzt ordnen auch die Behörden die Tat als extrem rechts motiviert ein. Zuvor haben diese den Anschlag viel zu lange entpolitisiert indem sie sich einseitig auf die psychologische Verfassung des Täters konzentrierten. Wie bei anderen extrem rechten Anschlägen etwa dem Attentat am Olympia-Einkaufszentrum haben die Behörden so den politischen Hintergrund der Tat ausgeblendet. Diese falsche Einordnung wurde nun endlich korrigiert“, erklärt Sigfried Benker, geschäftsführender Vorstand von BEFORE.

Zur Einordnung der Tat durch die Behörden sagt die Betroffene Martinez: „Natürlich ist das Oktoberfestattentat ein extrem rechter Anschlag, was denn sonst? Da gibt es kein Vertun. Die Einordnung der Behörden ist eine reine Selbstverständlichkeit.“

Eine umfassende Entschädigung aller Betroffenen des größten rechtsterroristischen Anschlages in der Geschichte der Bundesrepublik steht jedoch weiter aus. Für diese braucht es eine Lösung, welche die Betroffenen in den Mittelpunkt stellt und alle Akteur*innen - auch den Freistaat Bayern - in die Verantwortung nimmt.

Für Interviewanfragen wenden Sie sich bitte an presse@before-muenchen.de. Informationen zur Arbeit von BEFORE finden Sie unter www.before-muenchen.de.